Apple pingt
Mittwoch, 22. Dezember 2010, 17.58 Uhr | Giesbert Damaschke
„Wir haben es noch eleganter und einfacher gemacht“, schwärmte Steve Jobs bei der Vorstellung von iTunes 10. Dabei ist alles noch viel schlimmer geworden. Und das Elend hat einen Namen: Ping.
Wer am 1. September hoffte, Apple werde bei seinem „Special Event“ endlich ein grundlegend modernisiertes iTunes vorstellen, der sah sich enttäuscht. Denn was Steve Jobs da als „noch eleganter und einfacher“ ankündigte, entpuppte sich als zum zehnten Mal geliftetes Programm aus der IT-Steinzeit, das man nicht modularisierend verschlankte, sondern durch noch mehr hineingestopfte Funktionen endgültig zur vollgefressenen Bloatware aufpumpte. Ob das Grau in Grau und der Verstoß gegen die eigenen GUI-Guidelines nun wirklich eleganter sind, bleibe als Geschmacksfrage mal dahingestellt.
Dabei zeigt Apple mit iOS, dass es durchaus anders geht. Hier sind der iTunes Store, die Musik- und Videowiedergabe, der App Store und der iBookstore sauber getrennt. Die Stores selbst sind zwar einigermaßen unübersichtlich, aber da wollen wir mal nicht so sein und die Aufteilung der einzelnen Bereiche von iTunes auf verschiedene Apps als Schritt in die richtige Richtung werten.
Bei iTunes 10 will uns Apple dagegen das zähe Auf-der-Stelle-Treten begeistert als Fortschritt andienen. Doch nach wie vor kollidieren die verschiedenen Funktionen und Aufgaben, die Apple dem armen Programm aufbürdet und sorgen zuverlässig dafür, dass etwa die Musikwiedergabe ins Stolpern gerät, sobald man gleichzeitig im App Store stöbert oder seine Mediathek ein wenig aufräumen will. Auch die elend langsame und ineffiziente Suchfunktion im Store arbeitet immer noch nach dem Prinzip „Alles oder nichts“. Sucht man etwa nach einer App, wird nach wie vor das komplette Mediensortiment durchstöbert.
Das einzig neue an iTunes 10 ist das angebliche „Social Network“ Ping. Das sei, so tönt Apple gewohnt vollmundig und als habe es etwa last.fm nie gegeben, „die beste Art, deinen Lieblingskünstlern und Freunden zu folgen und Musik zu entdecken, über die sie sprechen, die sie hören und laden“. Und als sei das noch nicht genug, setzt man noch eins obendrauf: „iTunes ist der Ort, wo deine Unterhaltung lebt.“
Man kann das als Marketingschwurbel abhaken und Nachsicht mit den unbeholfenen Formulierungen üben, dergleichen ist man schließlich gewohnt, sobald das Stichwort „Social Network“ fällt. Doch wer Ping einmal ausprobiert hat, muss lernen, dass Apple sehr eigene Vorstellungen davon hat, was ein soziales Netzwerk ist.
Ping ist das erste Netzwerk, das als Einbahnstraße, wo nicht Sackgasse konzipiert ist und das sich konsequent von allem abschottet, was nicht Ping ist. Ein System, das einzig durch iTunes betreten und durch den iTunes Store verlassen wird, in dem Inhalte und Links, die auf Bereiche außerhalb von Ping verweisen, verboten sind, ist kein Netzwerk, sondern ein verlängerter Zugang zum iTunes Store, bei dem die soziale Aktivität der Mitglieder nicht in Unterhaltung und Dialog, sondern im Klick auf die „Kaufen“-Schaltfläche besteht. Ping legt den Verdacht nahe, dass man sich in Cupertino unter „Unterhaltung“ immer nur „Verkaufsgespräch“ vorstellen kann.
Ob Apple seine Vorstellung eines sozialen Netzwerks auf dem Markt etablieren kann, scheint vorerst zweifelhaft. Nach der ersten Welle an neugierigen Early Adopters, die Ping einfach mal ausprobieren wollten, scheint hier nachhaltig Ruhe eingekehrt zu sein, die auch durch die hastig via iTunes-Update nachgeschobene Ping-Seitenleiste nicht nachhaltig gestört wird.
Kein Wunder, denn schließlich negiert Ping letztlich alles, was ein soziales Netzwerk auszeichnet. Im gegenwärtigen Zustand ist Ping kein Netzwerk und auch nicht sonderlich sozial, sondern kaum mehr als ein weiteres Verkaufstool, mit dem Apple die Umsätze im iTunes Store weiter ankurbeln will. Das ist legitim, keine Frage – aber man versuche doch bitte nicht, uns nicht nur Musik, sondern auch noch für dumm zu verkaufen.
Geschrieben für MacDeveloper 1/2011 Dezember, Januar











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